Rhodopia

Aufbruch, Ritualtod, Menschwerdung
Kurzbeschreibung

Mit seinem dreißigsten Geburtstag muss sich der Medienkünstler Christoph Schwarz ein fatal falsch gelaufenes Leben eingestehen, in dem noch nie etwas „authentisch ehrlich“ gemeint war. Eine Einladung auf ein Künstlerstipendium nach Bulgarien verwendet er als Vorwand, um noch einmal komplett neu anzufangen.

„Ein Taumeln zwischen Glossolalie und Tourettesyndrom, mein Sprachapparat spielt sich von den eingeübten Mustern der letzten 30 Jahre frei – ich mische mich da nicht ein.“

Mit ungeschönter Ehrlichkeit spricht „Rhodopia“ von den intimsten Ängsten einer Generation, die auf größtmöglichste Individualität getrimmt wurde, und dadurch eine starke Sehnsucht nach klaren Werten und Gemeinschaft entwickelt. Der allgegenwärtige Zwang zur stetigen Neuerfindung des Individuums wird dabei für den Protagonisten zur Verheißung, dem Leben eine zweiten Chance zu geben.

„Rhodopia“ entstand im Rahmen des Künstleraufenthalts
BLACK SEA CALLING 2012 in Plovdiv, Bulgarien

Credits

Bulgarien 2012
Dauer:
11 min– Format: HD File
Buch & Regie Christoph Schwarz
Offstimme Mariya Gencheva
Produktion ARGE Schwarz

Screenings

Vienna Independent Shorts
Kurzfilmtage Winterthur
Regensburger Kurzfilmwoche
Espressofilm Wien
Videoholica, Varna/Bulgaria
Black Sea Calling, HilgerBROTKunsthalle
Black Sea Calling on Tour, Plovdiv/Bulgaria
Einzelausstellung, Galerie Frey
„Christoph Schwarz hat Kunst nie interessiert“ AfG#20, Wien
Herceg Novi, Montenegro
Minus EGO, Goethe Institut Barcelona

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Interview zu „Rhodopia“
Trailer
Presskit

Über „Rhodopia“
Bernhard Garnicnig

Als Zuschauer fällt es schwer zu verstehen, was Christoph Schwarz dazu bewegt, in ein Kloster zu gehen um dort ein neues Leben zu beginnen, ist er doch gerade durch den Prozess gegangen, ein anderes Glaubensystem hinter sich zu lassen: er verabschiedet sich von seiner Existenz als Kunst- und Medienarbeiter, warum vertraut er ab jetzt dem Weg des Herren? Um dies aus einer aufgeklärten, kritischen Perspektive zu verstehen, kann man mit einem einfachen Vergleich beginnen. Die Korrelationen zwischen Kunstwelt und Kirche sind schnell gefunden: Das Museum als imposanter Tempel, die Galerie als reich geschmückter Altar, das Werk stellt die Leidensgeschichte des Künstlers dar. Der Künstler als Erlöser, die Galeristen als Apostel der künstlerischen Botschaft, der Sammler als devoter Gläubiger?

Die Leidensgeschichte des Künstlers beginnt mit der ersten Szene des Films: “Rhodopia” erzählt, wie der Künstler in einer Sinnkrise an der Substanzlosigkeit seines Werks zu Grunde geht. Der illusionistisch konstruierte Werkkomplex bricht nun über dem Architekten selbst zusammen, nachdem er diesen über Jahre für den Betrachter aufgebaut hat. Eine dichte Konstruktion aus fiktiven Personen und Institutionen, alles nur errichtet, um kritische Blicke aus allen Richtungen abzufangen und unter Kontrolle zu bekommen.

Vielleicht war Schwarz einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort um sich selber zu begegnen. Auf einer harmlosen Reise zu einem Artist-in-Residence Aufenthalt trifft ihn plötzlich die Erkenntnis, seine Lügengeschichten und Täuschungshandlungen haben ihn so weit von sich selber entfernt, dass er sich nun vollständig auflösen muss, um sein zu können. Er erkennt, dass er längst eine fundamentale Grenze überschritten hat: in seiner kritischen künstlerischen Praxis hat er sich selbst um seinen Gegenstand der Kritik gebracht. Es scheint keinen Weg zurück zu geben. Christoph Schwarz muss mit Bus und Fahrrad in das nächste Extrem fahren. Die Destination ist nun ein Zustand der Transzendenz, der Reisende ein heroischer Protagonist auf dem Weg in Richtung Transformation des Seins. Aber das Finale im Kloster passt immer noch nicht in unsere Wunschvorstellung eines von der Kunst ausgelösten transformativen Prozesses. Die organisierten Religionen waren seit jeher versucht, unsere Spiritualität zu institutionalisieren und dadurch verwertbar zu machen. Handelt es sich hier um eine Kritik am kanonisierenden Kunstbetrieb, der Ästhetik in ähnlich dominante Konstruktionen zu integrieren versucht?

Das Ende der Geschichte ist so verwirrend wie ein Traum, der einem früh morgens aus dem Schlaf reißt. Christoph Schwarz ist im Bus nach Plovdiv eingeschlafen, und sein Unterbewusstsein fabriziert ein Märchen, das unwahrscheinlicher nicht sein könnte, und uns deshalb dazu bringt, ihm Bedeutung schenken zu wollen. Wir entdecken unseren Willen, an eine vollständige Transformation des Wesens durch die Kunst zu glauben, und uns bei der persönlichen Sinnsuche von den Helden des jeweiligen Glaubensystemes beeinflussen lassen. Wir vermuten den Künstler von nun an in einem Kloster in den den bulgarischen Bergen andere Sphären des Daseins erkundend, während unser eins weiterhin Vernissagen besucht, bei denen wir andächtig nach den metaphysischen Qualitäten der Kunstobjekte suchen, und uns davon Rückhalt bei der eigenen Individuation erwarten.

(Bernhard Garnicnig, Oktober 2012)