Krochacarraldo

Jumpstyle meets Kinski
Kurzbeschreibung

Zum dreißigjährigen Jubiläum von Fitzcarraldo schreibt das Goethe-Institut einen Vorfilmwettbewerb aus. Das will sich Fan und Filmemacher Christoph Schwarz nicht entgehen lassen und ersinnt eine groteske White-Trash-Adaption des Werner Herzog-Klassikers: Flugs wird aus dem Fitzgerald des Originals Gerald – ein mittelloser Prolet mit Neon Cap –, der Dampfer verkommt zum Floß aus Plastikmüll. Fortan folgt Krochacarraldo dem Filmdreh zum Filmbeitrag „Krochacarraldo“ – als fingiertes Making-of oder Filmtagebuch eines wahndreisten danubischen Selbstverwirklichungsepos.
Wo darin die Realperson Schwarz aufhört und die Kunstperson Schwarz anfängt, bleibt konsequent ungelöst. Muss es auch, war es doch Herzog selbst, der nach beendetem Fitzcarraldo-Dreh vermerkte, „[dass] meine Aufgabe und die der Figur identisch geworden sind“. Scheitern als Bedingung, Kinsky meets Jumpstyle.
(Katalogtext DIAGONALE 2014)

„Um das Team ganz auf Herzog einzuschwören, befehle ich jeden Morgen eine pathetische Prozession vom Hotel ans Isarufer. Stolz steuern wir unser Boot zu Arien von Puccini durch die sommerleeren Münchner Gassen – und zelebrieren damit unseren Filmdreh wie einen performativen Akt.“

Angelehnt an Werner Herzogs Tagebuch „Die Eroberung des Nutzlosen“, werden in „Krochacarraldo“ die Unwägbarkeiten des Filmemachens im Rahmen einer Film-im-Film Konstruktion auf Schwarz‘ Lebenswelt umgemünzt. Ganz dem Ansatz des Guerilla Filmmaking verpflichtet, übernimmt Schwarz in seinen Filmen sämtliche Funktionen, ist Darsteller, Kameramann, Regisseur und Postproduzent in Personalunion, und erreicht dadurch einen Grad an Unmittelbarkeit, an dem die Grenze zwischen Realität, Fiktion, Kunst und Leben verschwimmt.

 

Credits

Österreich/Deutschland 2013
Länge: 18min – Format: DCP
Buch & Regie Christoph Schwarz
Offstimme Peter Miklusz
mit Julian Palacz, Stefan John,
Anna Krambeck, Peter Frey
Produktion ARGE Schwarz

Screenings

Diagonale Graz
Kinoproba, Jekaterinburg/Russland
Cinema Next Filmnächte
Espressofilm
Festival der Nationen, Lenzing
Filmfestival Kitzbühel
State of the Art Sammelprogramm  VIS / Tampere Film Festival / Indie Lisbon
Frontale St. Pölten

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Interview zu „Krocharraldo“
Trailer
Presskit

Regeln des Zufalls oder Cut up als Prozess.
Martin Jonas

Sommer 2012 in München an der Isar. Christoph Schwarz und sein Team agieren mit Zuschauer_innen am ersten Isarsprudel, einem jungen Tanz- und Performancefestival in München. Ein Filmset mit umgekehrten Voraussetzungen. Schwarz und seine Kolleg_innen versuchen nicht das Set von neugierigen Zuseher_innen frei zu halten, damit die Schauspieler_innen in ruhe agieren können, im Gegenteil. Immer wieder werden Szenen neu gedreht und wiederholt, mit tatkräftiger Unterstützung von neugierigen Zuseher_innen die von Schwarz angeheuert und instruiert werden. Ein Kamerateam nimmt die Szenen auf. Mehr am Rande steht ein Mann mit einer Digitalkamera und macht laut Aussage von Schwarz, Setphotos. Eigentlich filmt dieser Mann aber die ganze Zeit das Set und erstellt so die ersten Szenen für Krochacarraldo. Der Film Krochakorraldo erzählt die Geschichte des Künstlers Christoph Schwarz, der an einem Filmwettbewerb zum Thema Werner Herzog teilnimmt. Er dreht eine Adaption des Films Fitzcarraldo und hat dabei ähnlich wie Herzog, mit dem Hauptdarsteller und widrigen Umständen zu kämpfen. Er scheitert schließlich mit dem Projekt. Der Film wird durch eine Werner Herzog ähnliche Stimme erzählt, die den Bildern unterlegt ist.

Christoph Schwarz arbeitet mit mehreren Handlungsebenen die sich unterschiedlich verbinden, oder dramaturgischen Logiken folgen. So steht am Beginn seiner Arbeit eine Idee, vermutlich mehrere Ideen, die einen Erzählimpuls auslösen. Bei Krochacorraldo war der Call zum Isarsprudel ein Anstoß für das Filmprojekt. Schwarz Konzept ist es nun, alle Produktionsebenen, die auch privates Lebensumstände beinhalten in das Projekt zu integrieren. So werden Szenen gedreht, wie Schwarz sein Team zusammentrommelt oder er den Plot schreibt und mit dem Geldgeber diskutiert. Etwaige Probleme wie z.B. die Materialbeschaffung in Deutschland werden in die Geschichte aufgenommen, genau so wie Ortsbegehungen für andere Projekte von Kollegen oder verweise auf vergangene oder kommende Projekte von Schwarz. Der dramaturgische Leitfaden bleibt die modifizierte Geschichte von Fitzcarraldo, die in das Millieu der Wiener Krocha (einer Jugendkulturellen Szene in den Jahren 2007-2009) verlegt wird. Die einzelnen Szenen entstehen durch improvisiertes Spiel mit den Zuseher_innen des Isarsprudel Festivals und im Weiteren mit Freunden von Schwarz, bei denen nicht immer so klar ist wie sich das Spiel entwickelt.

Schwarz etabliert mehrere Erzählstränge die ihren jeweiligen Regeln und Zufällen gehorchen. Die Ebenen vom realen performance Projekt am Isarsprudelfestival, den Produktionsbedingungen und Vorbereitungen, dem fiktiven Filmcall für das dieser Film gemacht wurde, den erfundenen Schwierigkeiten mit dem Hauptdarsteller und den damit verbundenen privaten Problemen werden entwickelt. Er dokumentiert diese Ebenen und führt sie final zu einem Erzählstranggewirk zusammen, das diesen durch die Nacherzählung des Filmes, mittels dem Film unterlegter Erzählstimme, plausibel macht. So gelingt eine fast untrennbare Vermischung von realem und fiktiven Geschichten, Ereignissen, Problemen…, die eine Wirklichkeit herstellen. Es scheint so, als ob jemand einen Dokumentarfilm über die Entstehung von Krochacorraldo gemacht hätte – ein Flim über den Film; ähnlich dem Dokumentarfilm von Herzog über die Dreharbeiten von „Fitzcarraldo“ und „Aguirre, der Zorn Gottes“. Mit dieser Spur zu Herzogs „Mein liebster Feind“, die uns Schwarz legt, wägen wir uns als Rezipient_innen auf der sicheren Seite die letzte Metaebene des Films durchschaut zu haben. Das was aber die geniale Arbeit von Schwarz ausmacht ist die Polysemie und die möglichkeitsoffene Haltung seiner Arbeiten. Die Fiktionalisierung der wirklichen Ereignisse und die Entfiktionalisierung von erfundenen Geschichten schaffen eine Plattform an möglichen Wendungen und Ebenen, die die Rezipient_innen auf ihre eigene Phantasie und ihr Interpretationsvermögen zurückwirft. Schwarz hat mit dieser Form seiner Arbeit eine Art des permanenten Cut Up´s entwickelt, nur dass es bei Schwarz keine Textteile gibt, die zerschnitten zu neuen Inhalten zusammengestellt werden, sondern alle Variablen, von der Idee bis zum fertigen Werk, in ihrer Eigendynamik zur Verfügung stehen und integriert werden können. Er wendet dafür eine Technik an, die an Hans Arp erinnert. Christoph Schwarz entwickelt Regeln für den Zufall. Möglichkeitsoffen zu arbeiten zeugt vom Wissen um die Richtigkeit der Ideenauswahl. Methodisch bedeutet dies erfolgreich (im Sinne der Entstehung eines Werks) zu sein, egal was auch geschieht. Die Niederlage, das Scheitern – oder neutraler gesagt, das Unerwartete/Zufällige – mit eingerechnet zu haben macht es Schwarz möglich Zufälle kreativ handhabbar zu machen und Filme zu schaffen, die wie Kippbilder immer mindestens zweideutig bleiben. Der Reiz beim ansehen machen nicht nur diese Kippbilder aus, die man amüsiert entschlüsseln möchte, sondern das Spiegelkabinett, das einem Christoph Schwarz einem durch seine Arbeitsweise zur Selbstbeobachtung entgegenhält.

(Martin Jonas, März 2013)