Civilization

Just one more turn!
Kurzbeschreibung

Frühjahr 2020: Filmemacher Christoph Schwarz verbringt den Lockdown mit seiner Familie im Ferienhaus in Kärnten. Eigentlich sollte ein neues Drehbuch überarbeitet werden, doch Schwarz‘ erste digitale Liebe, der Computerspieleklassiker Civilization I., entwickelt eine Sogwirkung, der er sich nicht entziehen kann. Ein Doppelleben zwischen elterlicher Vorbildfunktion und durchgezockten Nächten beginnt.

Ein selbstironischer Einblick in das Suchtpotential rundenbasierter Strategiespiele und die Abgründe, die sich auftun, wenn unerwarteter Weise plötzlich ganz viel Zeit da ist.
(Daniel Bleninger)

Spring 2020: Filmmaker Christoph Schwarz takes refuge with his family in quarantine at the vacation home in Carinthia. A new script is supposed to be in progress, but Schwarz’s first digital love, the classic computer game Civilization I, begins to draw him in. A double life between being a parental role model and all-night gaming begins.

Credits

Österreich 2021
Dauer:
23min – Format: DCP
Offstimme
Amrei Baumgartl
Buch & Regie & Schnitt
Christoph Schwarz
Tonmischung Matthias Ermert
Farbkorrektur viennaFX

gefördert von
Land Kärnten
Stadt Villach
Wien MA7

Presskit
Download hier

Secret Link Anfrage
contact (ät) christophschwarz.net

Hände weg von Jugendlieben
Christoph Schwarz voll Retro im Lockdown. Der Kurzfilm „Civilization“
von Matthias Wieser/Klagenfurt

Er hat es wieder getan. Christoph Schwarz hat wieder eine Auto-Doku-Fiction gedreht – und wieder in Kärnten wie zuletzt bei „Ibiza“ – Nein, nicht das Video an das Sie jetzt denken! Und: er hat wieder „Civilization“ gespielt. Aber der Reihe nach.

Der Film handelt von einem Filmkünstler, der mit seiner Familie im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 in ein Ferienhaus nach Kärnten flüchtet. Während die systemrelevante Frau wochentags nach Wien fährt, kümmert er sich um die beiden Kinder, stellt Härtefallanträge und will eigentlich an seinem ersten Langfilm schreiben. Doch in einem schwachen Moment verfällt er dem Computerspiel seiner Jugend: Civilization. Anstatt sich seiner Familie und seiner Kunst zu widmen, verzockt er nun die Zeit und geht dem Phänomen Civ1 – nicht CoV-2 – und seiner immer noch aktiven Fancommunity auf den Grund.

Computerspiele als Zivilisationskrankheit, ein Topos der angesichts allgegenwärtiger Gamifizierung und Binge-Watching zunächst aus der Zeit gefallen wirken könnte wie die Ossiacher Tauern als Filmkulisse oder das im Film thematisierte Spiel. Doch es ist nur oberflächlich ein Film über Computerspielsucht, sondern so ganz nebenbei über den Corona-Lockdown, die Vaterrolle, das Künstlerdasein und selbst Klimaaktivist*innen sind Thema. Also die großen Themen der modernen Zivilisation: Digitalisierung, Pandemie, Klimawandel verbunden mit der privaten und beruflichen Selbstreflexion. Auch der Nationalismus als Zivilisationskrankheit hat seinen Seitenauftritt, als der Protagonist im Spiel im Film Deutschland kolonialisiert oder sich über das „I am from Austria-Gekübel“ im Lockdown mockiert.

Es ist ein heiterer und ironischer Blick auf die Tage an denen die Welt stillstand. Am Anfang des Films heißt es dann auch „Wie hast du den ersten Lockdown verbracht? Ich werde auf die Frage ironisch antworten: Ich sei in Kärnten im Ferienhaus meiner Eltern in Familienquarantäne gewesen“. Der Film zeigt die Banalität des Alltags im Außeralltäglichen oder, anders formuliert, das Alltägliche in einer existentiellen Krise. Die persönliche Krise, die die globale Krise überlagert. Es ist eben kein Film über ausverkauftes Klopapier, panischem Händewaschen und Abstandhalten oder über Einsamkeit, Angst und Ausnahmezustand. Die Familie Schwarz scheint schöne Tage am Fuße von Burg Landskron verbracht zu haben, ja wenn der Vater nicht ein Geheimnis mit sich trüge. Er führt eine ‚Parallelexistenz‘. Er ist infiziert und affiziert von seiner Jugendliebe; ein aus heutiger Sicht in vielerlei Hinsichten – ästhetisch, technisch, narrativ – simples Computerspiel. Es ist voll Retro wie GameBoys oder Nirvana. Frühe 90er-Nostalgie die als verkörperte Erinnerung daherkommt, als wohliges Gefühl der Adoleszenz, die durch 8-Bit-Musik und pixelige Grafik hervorgerufen wird. Dazu noch in der Ferienwohnung der Eltern in der man womöglich schon als Kind bei den Kärnten-Urlauben sich dem Spiel hingab.

Retro ist ein zentraler Modus popkultureller und postdigitaler Produktion der Gegenwart wie der leider viel zu früh verstorbene Kulturwissenschaftler Mark Fisher festgestellt und auch bedauert hat. Denn der Populärkultur des 21. Jahrhunderts scheinen die Utopien und das Neue abhandengekommen zu sein. Altbekannte Geister suchen sie heim. Kulturelle Innovation operiere nunmehr über nostalgische Imitation, dem Zitat oder den Rückzug ins Vertraute. Doch wem sollte man das verübeln in einer globalen Ausnahmesituation? Schwarz Kurzfilm lässt sich dazu als einen selbstreflexiven Kommentar, der aber eben nicht den Zeigefinger erhebt, verstehen. Denn der Christoph im Film geht der ambivalenten Faszination, die dieses Spiel auslöst, nach. Das schlechte Gewissen des Verführten lässt ihn zum Forscher seiner eigenen Identität und Kultur werden. Und auf der Meta-Ebene ist der Film einer, der buchstäblich aus der Not eine Tugend macht.

„Civilization“ kommt wie Schwarz anderen Doku-Fictions als Selfie daher. Es ist ein Film über sich. Ein Film über einen Filmkünstler in der Krise – ob Corona-, Midlife- oder Schaffenskrise sei einmal dahingestellt. Doch allzu krisenhaft oder dramatisch wird das Ganze nicht erzählt. Der Ich-Erzähler erzählt eher lakonisch aus dem Off, allerdings mit einer geliehenen Stimme. Diesmal eine weibliche, was das Dokumentarische der Bilder und der Geschichte unterläuft. Die Bilder zeigen den Autor und Regisseur mit seiner Familie, doch in einer Geschichte, die so nur die Zuschauer*innen zu Gesicht und Ohr bekommen. So spielt der Film wie die vorangegangenen Doku-Fictions mit dem Selbstreferentiellen im Sinne der Person Christoph Schwarz und mit intertextuellen Bezügen zu diesen.

An einer Stelle im Film sinniert Christoph über das Spiel „Civilization“ und seine in die Jahre gekommene internationale Civ-1-Fancommunity: „Ist das nicht eine wunderschöne Liebesgeschichte“. Das trifft auch auf den Film „Civilization“ zu. Auch wenn Christoph sich damit plagt nicht seinen familiären Pflichten nachzukommen, weil er sich mit seiner Jugendliebe vergnügt, so zeigen die Bilder doch einen sehr liebevollen Vater, der mit seinen Kindern im Garten spielt; eine Tochter, die den Vater beim Mittagsschlaf nach nächtelangen Durchzocken zudeckt; einen Sohn, der um die Gefährlichkeit von Computerspielen weiß und den väterlichen Entzug begleitet; und auch die gesamte Familie gemeinsam beim Naschen auf der Hollywoodschaukel im Garten. Zivilisationskrise als familiärer Testfall, den die Familie Schwarz offensichtlich oder zumindest filmisch gut bestanden hat.

Text: Matthias Wieser/Klagenfurt (zwischen Lockdown III und IV)

„Civilization“
Zoomgespräch zwischen Daniel Bleninger & Christoph Schwarz
Lockdown II, November 2020

Christoph, du widmest deinen neuen Film einem Computerspieleklassiker aus 1991 und erzählst von der Sogwirkung, die davon ausgeht. Was findest Du daran spannend?

Ich mag es, wenn Filme nicht versuchen, allgemein verständlich zu bleiben, sondern Spezialinteressen und verschrobenes Nischenwissen vor den Vorhang zu holen, ohne alles erklären zu müssen. Dass ein 30 Jahre altes Computerspiel noch immer diese Anziehungskraft entfalten kann, die sich auch aus nostalgischen Erinnerungen an eine behütete Kindheit speist, fasziniert mich ungemein. Ich finde auch, dass Computerspiele trotz ihrer Allgegenwärtigkeit in der Realität im dokumentarischen Kino unterrepräsentiert sind ¬– und die pixelige Grafik aus den frühen 90er Jahren ist ideal, um von einer Kamera abgefilmt zu werden.

Warum wird der Lockdown mit seinen traumatischen Erfahrungen nur am Rande erwähnt?

Die ersten beiden Wochen in Kärnten war es noch abendliches Ritual, gemeinsam die Nachrichten und den Verlauf der Infektionskurve zu verfolgen. Wie dann klar war, dass die Katastrophe ausbleibt, wir aber trotzdem noch 3 Wochen in Kärnten bleiben werden, habe ich die Gelegenheit ergriffen, den Film zu realisieren. Ich fand es dann zeitloser und spannender, nach Innen zu blicken, mich selbst zu meinen Vorstellungen über Vaterschaft und meiner Erwartungshaltung an ein glückliches Leben zu befragen ¬– und nicht ein paar Kalauer über Klopapier aufzuwärmen. Aber natürlich gibt es viele Verweise auf die Ausnahmesituation, in der sich der Protagonist und seine Familie befinden, der Titel deutet ja schon auf etwas Großes hin.

Möchtest Du etwas zur unklaren Grenze zwischen dokumentarischer Arbeit und Fiktion sagen?

Ich verstehe gut, dass diese Frage kommt. Ich nütze diese Unklarheit, um die Spannung zu halten, da ist es schon legitim, danach Auskunft zu geben. Ich weiß von der immensen Sogwirkung, die Civilization auf mich ausübt. Deswegen werde ich mir auch nie eine der neueren Versionen besorgen. Man könnte fast sagen, ich habe den Film aus Selbstschutz gedreht, habe die Katastrophe gespielt, um sie nicht selbst erleben zu müssen. Und ich finde es wirklich beruhigend, dass sich trotz allgegenwärtigem Fortschrittsdruck ein Computerspiel aus 1991 noch immer behaupten kann. Eine Sache hat mir zu denken gegeben: an einer Stelle wird im Spiel vor den Folgen der Erderwärmung gewarnt. 30 Jahre später sind wir in dieser Frage keinen Schritt weitergekommen, das ist wirklich ein Armutszeugnis der Zivilisation.

Musstest Du bei deiner Familie lange Überzeugungsarbeit leisten?

Nein, es fühlt sich für uns relativ normal an, dass ich unseren Alltag filme, das mache ich ohnehin immer wieder. Ich verspüre aber eine große Dankbarkeit, dass vor allem meine Kinder so engagiert mitgemacht haben und sich der Kamera nicht verweigert haben.

Du hast nach deinem vorletzten Kurzfilm „CSL“ davon gesprochen, deine Reihe der autofiktiven Videotagebücher beenden zu wollen. Civilization passt aber nahtlos in diese Serie….

Der Lockdown hat sich angeboten, komplett ohne Crew einen Film über mich und meine Familie zu machen. Die Pause zwischen den letzten Dreharbeiten zu CSL (2018, 35min) und dem neuen Film hat ohnehin 3 Jahre gedauert, die Freude an dieser Arbeitsweise ist offensichtlich zurückgekehrt, die Dreharbeiten haben mir wieder ziemlich viel Spaß gemacht. Außerdem habe ich 2020 viel Zeit damit verbracht, einen Langfilm zu schreiben und zu planen (Anm. die Arbeit an SPARSCHWEIN wird in CIVILIZATION erwähnt), da war es befreiend, daneben auch handfest arbeiten zu dürfen.