Cabriobeet Straßenkräutzer

Der Wohnraum in Wien wird immer teurer, Parkraum wird aber verschenkt. Für unglaublich läppische 10€/Monat kann mit einem Auto öffentlicher Raum privatisiert werden. Wäre es nicht gerecht, wenn man zu gleichen Konditionen & ähnlich unkompliziert ein Hochbeet aufstellen könnte? Ein altes Sofa, ein Kaffetischerl, einen Obstbaum, einen Wuzzler?

Der öffentliche Raum in Wien wird von Autos dominiert. Wien, du bist ein Parkplatz. Dabei müssen wir gerade im Verkehrssektor die CO2 Emissionen dringend senken. Die Stadt Wien hält trotzdem an Autobahnprojekten fest und befeuert damit die Klimakrise: mehr Straßen bedeutet mehr Verkehr.

Dieser fesche Peugeot Cabriobeet 306 ist fahrtüchtig & hat ein Parkpickerl für den 9. Bezirk.

Die angebauten Kräuter sind zur freien Entnahme!

Das Cabriobeet ist eine Privatinitiative des Filmemachers Christoph Schwarz gemeinsam mit einigen NachbarInnen im Grätzel Nussdorfer Straße / Sobieskigasse, Wien 1090

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Offener Brief an Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky

Mitmachaufruf 2022

Medienberichte:
Kurier, 17.8
Der Standard, 17.8
Süddeutsche Zeitung, 30.8
Deutschlandfunk Nova
Café Puls, Puls4
Tech & Nature
W24 Bezirksflash
SWR2 Leben, Februar 2022
ORF Wien Heute, 21.6.2022

Rückfragehinweis:
info (at) cabriobeet.net
Instagram: cabriobeet_vienna
Christoph Schwarz
0650/7612805


Öffnet die Parkspuren!

Christoph Schwarz im Gespräch mit Daniel Bleninger, Mai 2022

Christoph, warum habt ihr die Initiative Cabriobeet im August 2021 gestartet?

Ich war schockiert, zu welchen Schleuderpreisen in Wien der öffentlichen Raum in Form von Parkspuren verramscht wird. Während die Mietpreise explodieren, kann man mit seinem Auto bis zu 10 Quadratmeter um 10 Euro im Monat privatisieren. Einige NachbarInnen und ich hätten die Parkspuren unserer Gasse gerne klimafreundlich genützt, und aus alten Paletten gezimmerte Hochbeete aufgestellt, dafür gerne auch 10 Euro im Monat bezahlt. Das wurde uns vom Magistrat untersagt, mit der Begründung: es würde sonst eine Vielzahl an Folgeanträgen gestellt werden. Wenn man aber ein angemeldetet Cabrio unter seinem Hochbeet hat, ist das alles kein Problem und man hat innerhalb kürzester Zeit ein Kräuterbeet in der Gasse stehen, das für alle eine Freude ist.

Das Cabriobeet wurde überregional bekannt? Warum ist das so?

Es zeigt, wie vernarrt wir Menschen in Autos sind. Mir kommt oft vor, ein Auto hat den Stellenwert eines Familiemitglieds- gegen diese Liebe traut sich leider keine Partei entschieden vorzugehen. Denn Autos sind absolut ineffiziente Transportmittel: wir bewegen 2 Tonnen Stahl, um einen 80kg schweren Menschen zu transportieren, der vom Baumarkt 3kg schwere Einkäufe nach Hause holt. Wenn man also ein Statussymol wie ein Cabrio für ein Hochbeet opfert, dann ist das gleichermaßen wenig effizient, aber bekommt Aufmerksamkeit. Wir sollten aber lieber darüber sprechen, wie ungerecht der öffentliche Raum aufgeteilt ist, und dass wir anstelle der Parkplätze im großen Stil Begrünung schaffen müssen, um unsere Emissionen zu drosseln und das Leben in der Stadt erträglicher zu machen.

Welche klimafreundliche Aktivitäten könnten denn noch in der Parkspur stattfinden?

Das klingt so, als würden wir hier eine ästhetische Frage verhandeln, so in etwa: wir finden Autos hässlich, wir hätten den Platz gerne für etwas anderes. Eine Reduktion des motorisierten Individualverkehrs in der Stadt auf ein Minimum ist ein absolutes Muss, um unsere Klimaziele zu erreichen- jedes Jahr, das wir untätig verlieren, bedeutet, dass wir eine noch krassere Notbremsung vollziehen müssen, wenn wir nachkommenden Generationen einen lebenswerten Planeten hinterlassen wollen. Das hat die Wiener Stadtregierung erkannt, und hat im Klimafahrplan festgeschrieben, den KFZ Verkehr in den nächsten 8 Jahren zu halbieren. Das Problem dabei: es gibt keinerlei Maßnahmen, wie dieses Ziel erreicht werden soll, die Stadträtin hofft auf einen Siegeszug der E-Mobilität, ohne selbst mutige Schritte setzen zu müssen. Die Politik kommt seit 30 Jahren mit leeren Versprechungen durch, was eine klimagerechte Verkehrspolitik angeht, wir möchten endlich Taten sehen.

Wie würdet ihr euch vorstellen, sollte die Politik reagieren?

Die Wiener SPÖ hat das Prinzip der induzierten Nachfrage nicht verstanden: wenn man Autobahnen baut, wird der Verkehr zunehmen. Das gleiche gilt aber auch für den Radverkehr: baut man attraktive Fahrradinfrastruktur, wir diese genützt werden. Man kann also die individuelle Mobilität der BürgerInnen ein Stück weit lenken, wenn man die Rahmenbedingungen ändert. Es gibt kein festgeschriebenes Menschenrecht auf einen Parkplatz vor der Tür. Im neunten Bezirk gibt es genug leere Tiefgaragenplätze, auf die man ausweichen könnte – nur ist das dann eben nicht so bequem, wie direkt vor der Haustür den Platz allen Anderen wegzunehmen. Hier muss sich etwas ändern! Ich sehe auf der einen Seite eine wachsende Unruhe, Menschen, die sich ein klimafreundliches Leben in der Stadt wünschen, auf der anderen Seite eine Stadtpolitik, die immer noch in Wachstums- und Mobilitätsschablonen aus dem 20. Jahrhundert denkt.

Was würdet ihr euch konkret für euer Grätzel wünschen?

Dieser Teil des Bezirks ist einer der am dichtest verbauten in der ganzen Stadt. Es gibt extrem wenig Grünflächen. Es ist nicht einzusehen, warum wir die Autos nicht in die Tiefgaragen verbannen und flächendeckend begrünen. Dazu wäre es ein geeigneter Schritt, Menschen zu ermöglichen, zu den gleichen Konditionen wie bei dem Parkpickerl ein Hocbbeet in die Parkspur zu stellen.

Was haltet ihr von der Möglichkeit einer Grätzeloase, wo ganz legal Parkplätze als „Parklets“ in einen Begegnungsraum umgewandelt werden können?

Die Grätzeloasen sind tolle Orte! Allerdings ist der Realisierung so aufwändig, dass man als Einzelperson überfordert ist, wohl immer ein Verein oder eine Bürgerinitiative dahinter stehen muss: eine Abtrennung zur Fahrbahn und zum Boden ist vorgeschrieben. Es sollte viel unbürokratischer und einfacher gehen, ein Hochbeet in die Parkspur zu stellen – genauso einfach, wie ein Auto. In unserem Fall ist ein Parklet sogar unmöglich: wir wohnen direkt am Gürtel, dh die Möglichkeit, es direkt vor dem eigenen Haus aufzustellen, entfällt.

 


Der Traum vom Cabriobeet

Christoph Schwarz im Gespräch mit Daniel Bleninger, August 2021

Wie kommt man dazu, dass man ein wunderschönes Cabrio für ein paar vertrocknete Kräuter opfert?

Geopfert ist da gar nichts, das Peugeot Cabriobeet 306 ist absolut fahrtüchtig. Die Unterkonstruktion am Fahrerinnensitz kann rückgebaut werden, dann steht einer Spritztour mit Beet nichts im Wege. Und die Kräuter werden sich schon erholen, umpflanzen im Hochsommer ist halt riskant. Ich verstehe, dass man dem Charme eines Cabrios erliegen kann, aber ich für meinen Teil finde die Idee des Kräuterbeets als sozialer Begegnungsort im öffentlichen Parkraum viel ansprechender als das fragwürdige Freiheitsversprechen des motorisierten Individualverkehrs – vorallem in einer Stadt wie Wien, wo der öffentliche Verkehr im innerstädtischen Bereich sehr gut ausgebaut ist.

Was möchtest Du mit dieser Aktion herausfordern?

Ich möchte, dass wir mit frischen Augen unsere Stadt anschauen, und uns überlegen, wie wir mit dem knappen Gut öffentlicher städtischer Raum umgehen wollen. Während die Wohnungspreise steigen, ist es möglich, mit einem Auto für 10 Euro / Monat acht Quadratmeter öffentlichen Raumes zu privatisieren. Dabei sollten doch genau umgekehrt klimafreundliche Aktivitäten im öffentlichen Raum gefördert werden! Wieso darf ich mir nicht mit ähnlich unkomplizierten Behördenwegen für diese Summe ein Hochbeet aufstellen, an dem dann auch andere Menschen eine Freude haben? Ich möchte aber nicht falsch verstanden werden: es geht nicht darum, AutobesitzerInnen individuell anzuklagen. Wir brauchen eine mutige Politik, die massiv in Carsharing-Lösungen investiert, die öffentliche Verkehrsmittel kostenlos anbietet und aufhört, Milliarden in große Straßenbauprojekte zu versenken.

Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen bei dieser Aktion?

Das Carbio ist angemeldet und verfügt über ein Parkpickerl. Natürlich könnten die Behörden eine Fahrtüchtigkeitsprüfung anregen, wenn der Verdacht besteht, dass mein Cabrio nicht mehr fährt. Den Beweis treten wir gerne an, und parken uns eben woanders hin.

Wie sind die Reaktionen aus der Nachbarschaft?


Es gab ein überwältigendes Echo hier im Grätzel. Viele bleiben stehen und machen ein Foto, das Cabrio ist Gesprächthema und öffnet plötzlich einen Raum, in dem sich Menschen begegnen. Man merkt, wie dringend wir in der Stadt mehr Kommunkationsräume bräuchten, in denen kein Konsumzwang herrscht und man gerne verweilt. Der Platz wäre rechnerisch da, wenn wir uns mittelfristig von einem Teil der 700.000 Wiener Autos verabschieden. Das Cabriobeet ist ja ein direktes Angebot an die Nachbarschaft, sich einzubringen. Die Kräuter können geerntet und verwendet werden, ich freue mich auch, wenn jemand Lust hat, mitzugarteln und weitere Kräutersträucher einsetzt. Ich muss gestehen, mir fehlt der grüne Daumen.

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Christoph Schwarz (40) ist Filmemacher und lebt mit seiner Familie in Wien-Alsergrund. Für seinen Essayfilm „Die beste Stadt ist keine Stadt“, der multiple Sichtweisen auf die Seestadt Aspern vereint, wurde er 2020 mit dem Österreichischen Kurzfilmpreis ausgezeichnet. Der Film ist noch bis Ende des Jahres auf der Website von Christoph Schwarz kostenlos zu streamen: www.christophschwarz.net/dbsiks