All Buildings Are Beautiful
Kurzbeschreibung
Der Abriss der Alten Wirtschaftsuni am Althangrund in Wien könnte der größte Abriss-Neubau des Jahrzehnts in Wien werden. Ein in die Jahre gekommener Universitätskomplex soll einem neuen, nachhaltigen Bildungscampus weichen. Dieser sorglose Umgang mit Bausubstanz und der im Gebäude steckenden grauen Energie steht paradigmatisch für ein Zeitalter, in dem wir trotz einer sich beschleunigenden Klimakrise an Konzepten aus der Vergangenheit festhalten. Um „All Buildings Are Beautiful“ zu drehen hat Christoph Schwarz das letzte Jahr seiner Zugänglichkeit im Gebäude als Zwischennutzer verbracht. Langsame Kamerafahrten machen die Räume erfahrbar, die Offstimme von Suse Lichtenberger erzählt von Menschen, die sich für den Erhalt des Gebäudes einsetzen. Wie schon in „Die beste Stadt ist keine Stadt“ (Österr. Kurzfilmpreis 2021) verbindet Christoph Schwarz persönliche Erfahrungen und dokumentarische Spurensuche mit klimabewegter Wachstumskritik zu einem gleichmaßen humorvollen und eindringlichen Filmessay.
Premiere auf der Diagonale 2026.
„So richtig sympathisch ist mir das Gebäude nicht. Aber: jetzt steht es nun mal hier. So wie der problematische Onkel, der trotzdem auf alle Familienfeste eingeladen wird. Der wird ja auch nicht: einfach aufgegeben.“
Credits
Kurzfilm, Österreich 2026
Dauer: 20min – Format: DCP, OmeU
Buch & Regie
Christoph Schwarz
Offstimme Suse Lichtenberger
Sounddesign Matthias Peyker
Kamera & Schnitt Christian Schwab
Farbkorrektur Daniel Hollerweger
Dramaturgische Beratung Johanna Hieblinger, Lia Sudermann
Übersetzung Patrick Leonard
gefördert von
BWMKMS Filmabteilung
Land Kärnten
Land Niederösterreich
mit freundlicher Unterstützung von
Allianz Alte WU
Arbeitsgemeinschaft Papageienschutz
Kulturzentrum 4lthangrund
„Das Gebäude als Stellvertreter für unseren Umgang mit der Klimakrise“
Interview mit Christoph Schwarz zu „All Buildings Are Beautiful“
Raumcafé, Alte WU, Jänner 2026
Christoph, Du wirst oft als „Filmemacher & Klimaaktivist“ angekündigt. Von wem stammt dieser Film?
Von beiden! Ich würde sagen, ich bin ein Filmemacher, der durch die Brille eines Klimaaktivisten auf die Welt blickt. Oder um die Dramatik auf den Punkt zu bringen: es ist eher umgekehrt, es wirkt auf mich so, als würden die Verantwortlichen und die Mehrheitsgesellschaft ihre Brille absichtlich abnehmen, um die offensichtlichen Widersprüche zwischen Schein und Sein in Punkto Klimapolitik nicht mehr sehen zu müssen. Die inhaltliche Überzeugung des Klimaaktivisten beeinflußt die Arbeit des Filmemachers stark: ich arbeite mit dem, was da ist. Es gibt keinerlei Bestrebungen, einen Drehort großartig zu inszenieren. Ich erfinde keine Protagonisten, ich arbeite mit den Geschichten, die mich in dem Jahr in dem Gebäude erreicht haben und den Protestbotschaften, die auf dem Gebäude hinterlassen wurden.
Seit wann beschäftigst Du dich mit der Alten Wirtschaftsuniversität?
Dafür, dass ich fast 20 Jahre am Alsergrund gelebt habe, eigentlich erst seit kurzer Zeit. Erst als es mit der Zwischennutzung für Kunstateliers begann, wurde es zu einem Anknüpfungspunkt. Da hab ich das Gebäude als mögliches Atelier im Kopf gehabt und 2023 einigen Szenen für „Sparschwein“ dort gedreht (Anm. Christoph Schwarz‘ erster Langfilm). Als es klar war, dass das Gebäude abgerissen wird, wusste ich, dass ich einen Film darüber drehen möchte, und dass ich dafür dort ein Studio brauche, um den Ort besser zu verstehen.
Diese Herangehensweise erinnert ein wenig an andere Kurzfilme von Dir: in „Der Sender schläft“ ziehst Du in ein ähnliches Raumschif, das ORF Zentrum am Küniglberg, in „Die Beste Stadt ist keine Stadt“ geht es um eine Notkirche im Stadterweiterungsgebiet. Was fasziniert dich an Gebäuden?
Es geht wohl eher um den sozialen Raum, der durch Gebäude geschaffen und strukturiert wird, an den hermetisch abgeschlossenen Rahmen, den jede Geschichte braucht. Die Herangehensweise, dass ich als Filmemacher Zeit an einem Ort verbringe, und Dreharbeit, Recherchearbeit, Textarbeit und Postproduktion gleichzeitig passieren und zusammenfließen ist in meinen Kurzfilmen ganz oft zu bemerken. Und das Gebäude ist Stellvertreter für unseren Umgang mit der Klimakrise, das Gebäude macht gesellschaftliche Dispositionen erst sichtbar.
Du hast Dich vor allem klar als Kritiker der autogerechten Stadt positioniert. „All Buildings Are Beautiful“ handelt nicht von Mobilität sondern vom Bauen. Was war zuerst da, die Überlegung, diesen weniger bekannten Sektor unter die Lupe zu nehmen, oder das konkrete Gebäude?
Ich finde es problematisch, immer nur über Mobilität zu sprechen, und andere Lebensbereiche und Industrien komplett zu ignorieren. Auch wenn sich der kulturelle Wandel in Sachen Autoverkehr leider noch zu wenig in den Zahlen niederschlägt- mittlerweile hat es sich in weite Teile der Bevölkerung herumgesprochen, dass Autofahren aus vielerlei Gründen nicht zukunftskompatibel ist. Der Aufschrei bei neuen Autobahnprojekte ist unüberhörbar. Wenn aber ein nachhaltiger Bildungscampus gebaut werden soll und stattdessen ein voll funktionsfähiges Universitätsgebäude abgerissen wird, dann findet das immer noch weit unter der gesellschaftlichen Wahrnehmungsgrenze statt. Die typische Reaktion von Menschen auf die Information, dass die Alte WU abgerissen werden soll, ist in etwa: „Schön ist die ja wirklich nicht.“ Da muss also jede Menge Aufklärungsarbeit stattfinden.
Wie kam es zu dem Titel?
AktivistInnen haben mehrfach sehr effektiv am Gebäude mittels Textbotschaften gegen den Abriss protestiert. Einer dieser Slogans war auch „All Buildings Are Beautiful“, genau so, wie es in der Titelsequenz auch vorkommt. Der Titel bringt es auf den Punkt, was ich sagen will: in der Klimakrise müssen wir mit dem arbeiten, was da ist, ästhetische Entscheidungen im Umgang mit gebauter Umwelt können wir uns nicht leisten. Umbau und Weiterbau, der Remix muss zur Pflicht werden. Die kleine Referenz auf das linke Standardgraffiti „ACAB“ steht für mich wie eine Neudefinition von Widerstand: es geht nicht mehr nur um die Verhinderung eines Abrisses im Sinne der HausbesetzerInnenszene, á la „Die Häuser denen, die drin wohnen“ sondern auch um den Erhalt von Bausubstanz aus Klimagründen.
Du zeigst in dem Film keine Menschen und verwendest zum ersten Mal in deinen Filmen eine bewegte Kamera. Wie kam es dazu?
Der Aufmerksamkeitsfokus liegt stark auf dem gesprochenen Wort – es war mir recht bald klar, dass ich keine Menschen in dem Film abbilden möchte, die hätten zu stark vom Gebäude abgelenkt. Ich möchte von menschlichem Leben erzählen, das sich in seiner Abwesenheit besser offenbart. In geschlossenen Räumen hatte ich aber von Anfang an die Sorge, dass es zu statisch wird. Raum bedeutet ja auch Bewegungpotential. Deswegen hatte ich recht bald für mich die Aufteilung getroffen, die Außenaufnahmen von Stativ, die bewegten Innenaufnahmen mit Gimbal zu machen. In Kombination mit dem Sounddesign war auch klar, dass die Kamerafahrten gut zu Athmosphäre passen, die ich etablieren möchte.
Was sich durch all deine Filme durchzieht, ist der Einsatz einer Offstimme aus deiner Perspektive, immer wiedergegeben von einem Schauspieler oder wie in diesem Fall von einer Schauspielerin (Anm. Suse Lichtenberger spricht „All Buildings Are Beautiful“). Diese Offstimmen geben sich gerne persönlich, stellen sich aber auch als ‚unzuverlässige Erzähler‘ heraus, was die Grenze zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm zuverlässlig verwischt. Das Thema von „All Buildings“ ist ja ein handfestes, und soweit ich informiert bin, sind die Fakten, die in dem Film vorgetragen werden, klar recherchiert. Bist Du jetzt Dokumentarfilmer geworden?
Ich arbeite eigentlich immer dokumentarisch, dh ich verwende zB keinen Aufwand auf die Herstellung eines Szenenbildes sondern arbeite mit dem, was da ist. Was ja auch wunderbare Weise auf formaler Ebene das wiederspiegelt, was der Film inhaltlich fodert. Meine ProtagonistInnen bleiben durch die Nennung von Vornamen verrätselt, aber sind real existierende Menschen, deren Aufeinandertreffen mit unserer Protagonistin in fiktive Situationen geschildert werden, die ich mir im Nachhinein aber natürlich freigegeben habe lassen. Aber natürlich ist es intendentiert, dass sich das Publium darüber gerne seine Gedanken machen darf, was hier imaginiert ist. Kann man der Geschichte trauen, dass ein Security die geheimen Sorgen des Gebäudes in Worte fasst? Gibt es in Indonesien wirklich eine Kultur, in der Gebäude heilig sind und nicht abgerissen werden dürfen? Ich möchte ein wachsames Publikum, das mitdenkt.
Tust Du der politischen Auseinandersetzung um das Gebäude etwas Gutes, wenn Du mit Imagination und Poesie arbeitest?
Ein knallharter journalistischer Beitrag aus einer klimapolitischen Perspektive das Gebäude betreffend sieht natürlich anders aus. Man darf auch nicht vergessen, dass ich mit einer klaren Meinung zu dem Gebäude in das Projekt gegangen bin und absolut parteiisch argumentiere. Ich habe auch nicht das Gespräch mit den diversen UnirektorInnen gesucht, um den Druck zu verstehen, dem sie ausgesetzt sind, eine adequate Forschungsumgebung zu schaffen. Und natürlich könnte man einen Film auch nur damit füllen, zu zeigen, was an den Bestandsgebäuden nicht mehr funktioniert, was von Anfang an schlecht geplant war. Ich sehe den Film im klassischen Sinne als Essayfilm, der eine Meinung hat, der über die eigene Herangehensweise reflektiert, aber der nicht nach journalistischen Maßstäben arbeitet.
Was ist der aktuelle Stand in der Debatte um das Gebäude?
Aktuell läuft der Architekturwettbewerb – mit Ende Februar 2026 wurde über die erste Stufe, den städtebauliche Entwurf bereits entschieden. Wir können gespannt sein, wie der Film in einem Jahr betrachtet wird, wenn die Ergebnisse der zweiten Wettbewerbsstufe vorliegen. Sind unserer schlimmsten Befürchtungen wahr geworden? Oder hat sich die Jury für einen Entwurf entschieden, der viel vom Bestand erhält?
Wie schon in „Die Beste Stadt ist keine Stadt“ trägt das Sounddesign von Matthias Peyker viel zum Film bei. Was war eure Herangehensweise?
Matthias hat auch bei meinem ersten Langfilm „Sparschwein“ das Sounddesign gemacht. Wir haben mittlerweile viel Erfahrung in der Zusammenarbeit. Ich kann mich voll darauf verlassen, dass er die passende Athmosphäre schafft, die zwischen den Bildern und der Offerzählung vermittelt. Ausgangspunkt für den Soundtrack war dieser Zukunftsoptimismus der 1980er Jahre, die Idee der retrofuturistischen Raumstation, die man kosteneffizient einfach nur durch eine umgedrehte Kamera imitieren kann.
Du verlässt mit deinen Überlegungen immer wieder auch das konkrete Gebäude und sprichst allgemein von Suffizienz und positionierst dich als Befürworter einer Postwachstumsideologie.
Nach meinem Verständnis nach ist es zur Vermeidung von Kipppunkten notwendig, die nächsten 10 Jahre die Emissionen massiv runter zu fahren. Also Emissionen in die Zukunft zu verschieben, wo sich vielleicht wieder ein Fenster auftut, wo die Produktion von grünem Stahl Standard ist, wo die CCS Technologie (Anm. carbon capture and storage, CO2 Abscheidung) weiter ist. Ich argumentiere nicht für ein radikales Ende jedweder Bautätigkeit, sondern dafür, auf eine eine Notsituation mit Notfallmaßnahmen zu reagieren. Das könnte zB bedeuten, dass zB die Universität Wien noch 20 weitere Jahre in ihren aktuellen Räumlichkeiten bleibt, und erst 2050 ein Neubau am Althangrund angegangen wird. Hätten wir nicht diesen wahnsinnigen Zeitdruck, unsere Emissionen zu senken, wäre meine Argumentation natürlich weniger direkt.



























