Veredelungsökonomie I

Klotzen am Sekundärmarkt
Kurzbeschreibung

Die neugegründete Konzeptgalerie C Schwarz importiert ein bewährtes Welthandelsprinzip in die Wiener Kunstszene: Der alternative Kunstmarkt METAmART wird zum Rohstoffpool umgedeutet, 8 KünstlerInnen der Galerie entwickeln neue Werke aus angekaufter Flachware, das anwesende Publikum kann den Veredelungsprozess hautnah miterleben, die veredelten Werke werden sofort wieder in den Markt eingespeist.

Spezifikationen

Performance/Intervention @ METAmART, Künstlerhaus/Wien, 17.-20.11. 2011
8 KünstlerInnen, Arbeitstisch, 15 METAmART Kunstwerke, Live-Video Ausspielung

Teilnehmende KünstlerInnen:
Julius Deutschbauer, Thomas Draschan, Sebastian Koch, Anna-Kirsten Krambeck, Michail Michailov, Markus Proschek, Renfah, Reinhold Zisser

Refining Arts – Anmerkungen zu „Veredelungsökonomie I“
Marcuse Haffner

„Die aktive Veredelung gehört zu den bedeutendsten Verfahren in der Weltwirtschaft und dient der Werterzeugung durch Aufladung mit konnotierten Werten. Veredelungsökonomie bewirkt durch eine substantiell meist unerhebliche technische Veränderung, Form und (oder) Qualitätsverbesserungen, die nicht zu einer eigentlichen Stoffumwandlung führen, die aber für einen individuell verfeinerten Geschmack wirtschaftlich bedeutungsvoll sind.“

Mit diesem aus der Wirtschaft entlehnten Begriff, der ähnlich wie die Rezession, die Krise oder die unsichtbare Hand eine längst zu Allgemeingut gewordene Spur in der Kultur darstellt, welche die Sprache des ökonomischen Imperativs im kapitalistisch geprägten Weltmarkt spricht, arbeitet Christoph Arge Schwarz in seiner neuesten Performance. Dazu schlüpft er in die Rolle des Galeristen C Schwarz, welcher 8 KünstlerInnen einlud, veredelungsökonomische Prinzipien auf den Kunstmarkt zu übertragen. Live und vor laufender Kamera wurden dabei verschiedenen Optionen des Aufwertungsprozesses durchexerziert, vom bloßen Übermalen und Umgestalten bis hin zur performativen Aufladung von Kunstware.

Diesen Prozess, das Dahinterliegende zu formalisieren sowie als Konstrukt durchschaubar zu machen, ist Schwarz‘ Anliegen, der diesen Interlink zwischen Szenerepräsentation und aus der Wirtschaft bekanntem Agieren kunst- und markttauglich aufschlüsselt. Da gerade die Kunstwelt ein Hort von Marketing, Management, utopisch-kalkulierten, von kurzen Aufmerksamkeitsspannen im Wettkampf um den nächsten Hype geprägten, virtuellen Werten und konnotierten, emblematischen Zuschreibungen ist, die mittels des dadurch erzeugten symbolischen Kapitals im Sinne einer Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert, wurde die Ressource Kunst an ihrem ersten Handels- und Umschlagplatz mit einer hohen Konkurrenzsituation zum dadurch gedumpten Preis erworben, um sie danach veredelt im höherpreisigen Marktsegment wieder in den Kreislauf einzugliedern. Dem zugrunde liegt ein Vorgang, den ebenso Weltmarken mit ihren in Billiglohnländern südlicher und östlicher Weltregionen erzeugten Produkten vornehmen. Relabeling and finishing – und diverse andere finishing services werden dann im Mutterland des Konzerns vorgenommen, mit dem Zweck Exklusivität und imaginierte Wertigkeit zu generieren. You must showcase your brand, denn der Konsument wird das Produkt nur kaufen, wenn das Preis/Leistungsverhältnis stimmt. Wird der Preis aus Kundensicht definiert, so ist vor allem die subjektive Wahrnehmung der Kunden bzw. deren daraus resultierendes Preisverständnis zu beachten. Doch gerade hier ist Vorsicht mit monocausalen Erklärungen geboten, da es hierbei bei diesem als Paraphrase zu sehenden Vorgang dieser Aktion, durch die Veredelung der Künstler, zu verschiedensten Resultaten kommen kann, ebenso wie es in China mit massenproduzierter Kopistenkunst oder auch Shanzai (gefälschten Markenprodukten) geschieht, wo der Wert hierbei eine Mischung aus Preis, Konnotation und subjektiver Aufwertung ist, welcher sich nicht zuletzt durch das Logo auf dem Produkt ausdrückt, in diesem Falle jedoch Fake ist, welcher gegebenenfalls eine alte Tradition inkludiert. So ist es nach Byung Chul Han in bestimmten Regionen Asiens durch Jahrhunderte hinweg ebenfalls üblich, echte Kunstgegenstände etwa durch Stempel zu verändern, oder gegebenenfalls meisterhaft zu kopieren, da diese, wenn dem Besitzer die Kopie nicht auffällt, diese in die Hand des Kopisten übergehen, welcher zeigte, dass sein/ihr Handwerk genauso gut, wenn nicht besser, als das Original ist.

Dies reflektiert nicht nur den Zustand des Kunstmarktes, welcher gerne als Avantgarde gesellschaftlicher Entwicklung gesehen wird, sondern gerade auch die Gesellschaft, welche gegenwärtig die Wirtschaft zum mit höchsten Prioritäten ausgestatteten goldenen Kalb, wenn nicht sogar zur Leitkultur per se erklärt hat. So ist auch die Vermischung der künstlerischen Repräsentation durch Museen und Galerien erstarrt, gegenüber einer urbanen Medien- und Technikbündelung, innerhalb der vor allem die Ästhetik einer weltweiten, soziosomalen Kultur hervorragt. Diese Herangehensweise, die sich medial in Form einer Melange aus sozial brisanten Themen und sich schnell ändernden Umständen abbildet, kann in Extremfällen dazu führen, dass jahrhundertealte Traditionen sich von heute auf morgen komplett verschieben.

Ein treffendes Beispiel dafür ist der Inselstaat Nauru: Dort gibt es den Brauch des pabwa, welcher einst bei Feierlichkeiten den zu Feiernden mit Geschenken durch die Gäste ausstattete, ähnlich wie am Kunstsektor durch die Absegnung von Kuratoren und Kritikern die Ware Kunst entsteht. Durch den Wertewandel der Globalisierung, der sich in Nauru durch den Verfall des Preises für Guano (Vogelkot) zeigt, das einzige Hauptprodukt der Insel, ist nun jede/r arm, was dazu führte, dass pabwa nunmehr bedeutet, dass bei einer Einladung jeder Gast nimmt, was ihr/ihm gefällt, und so, da sich Gastgeber und Gäste auf einer Insel befinden, verschiedene Dinge von Fest zu Fest fluktuieren.

Womit wir wieder beim generellen Utopismus einer Preisgestaltung bei einer so virtuellen Ware wie Kunst wären, sodass Schwarz’ Aktion dahingehend auch als soziales Experiment verstanden werden kann.

Oder wie der Veredelungsgalerist C. Schwarz vor laufender Kamera selbst meint: „Ab dem Moment, wo ökonomisches Interesse überhand nimmt, kann man ja nicht mehr von Konzeptkunst sprechen.“ Denn was ist, wenn das Kapital diesen Markt erkennt und dann wirklich viel Geld in ein derartiges Vorhaben fliesst? Wäre das nicht ehrlicher, stimmiger, entlarvender oder nur viel heikler, viel provokanter, viel gefährlicher, viel teurer, praktisch unmöglich, oder doch nicht? Ist alles real – oder doch nur Konstrukt?“

(Marcuse Haffner, Dezember 2011)